Adveniat zum Haftbefehl gegen Ex-Präsident Lula:

Handwerker des Friedens

„Ein durch und durch politisch motivierter Prozess“

„Wenn Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva heute ins Gefängnis kommt, ist das der Höhepunkt eines durch und durch politisch motivierten Prozesses.“ Davon ist der Brasilien-Referent des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat Norbert Bolte überzeugt. Dabei gehe es nicht nur um die Frage, ob Lula sich der Korruption schuldig gemacht habe. „Teil des Problems ist es, dass Beweise kaum vorliegen. Es liegt unwidersprochenen Medienberichten zufolge nicht einmal ein Dokument vor, dass Lula als Eigentümer des Appartements ausweist, mit dem er besprochen worden sein soll“, erläutert Bolte. In die sogenannte Petrobras-Affäre sind zahlreiche Geschäftsleute und Politiker aller Parteien verwickelt. Um an Aufträge des staatlichen Erdölkonzerns Petrobras zu kommen, sollen Politiker zum Beispiel von Baufirmen geschmiert worden sein. Korruptionsvorwürfe existieren auch gegen den amtierenden Präsidenten Michel Temer von der rechtskonservativen Partei der demokratischen Bewegung (PMDB). Mehrere Minister seiner Regierung sind bereits zurücktreten.

„Einige Familien und Interessensgruppen, die das Land seit Jahrhunderten politisch dominieren, wollen mit den von ihnen gelenkten Medien, dem Militär und der Justiz eine weitere Amtszeit eines Präsidenten von der Arbeiterpartei PT verhindern“, so der Adveniat-Experte. In den Umfragen vor der anstehenden Präsidentschaftswahl führt Lula deutlich mit 36 Prozent. Ein von Lula unterschriebenes Gesetz besagt jedoch, dass niemand zur Wahl zugelassen wird, der in zweiter Instanz verurteilt ist. „Denn zwischen 2003 und 2016 hat es trotz aller berechtigten Kritik an Lula und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff eine gewisse Umverteilung zwischen dem extremen Reichtum der schmalen Elite und der armen Bevölkerungsmehrheit gegeben. Es gab erstmals überhaupt eine Politik auch zugunsten der Armen.“ 20 Millionen Menschen seien aus der extremen Armut befreit worden. „Unter dem aktuellen Präsidenten Michel Temer erleben wir jetzt die Rückkehr zum traditionellen Prinzip Herrenhaus und Sklavenhütte“, kritisiert Bolte.

Ein Problem sieht der Adveniat Brasilien-Experte jedoch auch bei Lula und seiner Arbeiterpartei: „Da die PT nie über eine echte parlamentarische Mehrheit verfügt hat, sah sie sich stets zu Kompromissen gezwungen. Sie hat es verpasst, strukturelle Reformen durchzusetzen, die das Leben der Armen grundlegend verbessern.“ Zum Verhängnis sei Lula geworden, dass er auch die versprochene Medienreform nicht angepackt habe. „Stattdessen hat auch er sich von dem alles beherrschenden Medienkonzern O Globo hofieren lassen. Nach dem Ende seiner Präsidentschaft hat O Globo ihn fallen lassen und ist heute das Zentrum der Kampagne gegen ihn“, betont Bolte.

Der frühere brasilianische Präsident muss sich am heutigen Freitag bis 17 Uhr Ortszeit (22 Uhr MESZ) bei der Polizei in der südbrasilianischen Stadt Curitiba melden. Er soll in Haft auf die Revision des Urteils gegen ihn warten. Lula war im August 2017 zunächst zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Der Vorwurf lautete: Er habe sich mit 900.000 Euro von dem brasilianischen Baukonzern OAS bestechen lassen und im Gegenzug dem Unternehmen Aufträge des staatlich kontrollierten Ölkonzerns Petrobras verschafft. Lula hatte stets die Vorwürfe bestritten. Er ging in Berufung. Doch das Berufungsgericht erhöhte die Haftstrafe im Januar diesen Jahres sogar auf zwölf Jahre.

Norbert Bolte, Brasilien-Referent des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Friedensnobelpreisträger Santos kommt zum Katholikentag nach Münster

Der kolumbianische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos hat seine Teilnahme am Katholikentag in Münster zugesagt. Unter dem Titel „Frieden und Versöhnung sind möglich“ diskutiert er am 10. Mai mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Kolumbianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Luis Augusto Castro Quiroga, mit der Lateinamerikabeauftragten im Bundesentwicklungsministerium, Dr. Christiane Bögemann-Hagedorn, und mit dem Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Pater Michael Heinz, über Kolumbiens Weg zum Frieden. Moderiert wird das Podium vom Chefkorrespondenten der DuMont Mediengruppe, Joachim Frank. Kolumbiens Staatspräsident wurde 2016 „für seine entschlossenen Anstrengungen, den mehr als 50 Jahre andauernden Bürgerkrieg in dem Land zu beenden“ vom Nobelkomitee ausgezeichnet.

„Suche Frieden ist das Leitwort des Katholikentags. Präsident Santos ist ein wirkliches Beispiel für einen Menschen, der Frieden sucht - und auch gefunden hat“, sagt der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) Prof. Dr. Thomas Sternberg. Santos könne den Teilnehmern des Katholikentags aus eigenen Erfahrungen viel über den Weg zum Frieden berichten. „Santos ist ein Handwerker des Frieden“, betont Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Heinz. „Angesichts der vielen Wunden, die Krieg und Gewalt in den Menschen hinterlassen haben, ist es beeindruckend, dass es zu einem Friedensabkommen zwischen Regierung und Farc gekommen ist.“ Es brauche laut Pater Heinz allerdings noch viel Kraft, Geduld und Versöhnungsbereitschaft, damit ein Kolumbien des Friedens entstehen könne. Mit ihrer Nationalen Versöhnungskommission habe die kolumbianische Kirche eine wichtige Vermittlerrolle eingenommen. Sie habe unter anderem dafür gesorgt, dass bei den Verhandlungen zwischen Regierung und Farc auch die Opfer gehört wurden. „Damit Versöhnung und Frieden in Kolumbien möglich werden können, bedarf es der Solidarität der internationalen Staatengemeinschaft, insbesondere auch aus Deutschland“, sagt Pater Heinz.


In der Übersicht:

Frieden und Versöhnung sind möglich – Das Beispiel Kolumbien Podium auf dem Katholikentag in Münster
Termin: Donnerstag, 10. Mai
Uhrzeit: 16.30 bis 18.00 Uhr
Ort: MCC Halle Münsterland, Eingang Nordfoyer, EG, Große Halle, Albersloher Weg 32

Podiumsteilnehmer:
·         Dr. Christiane Bögemann-Hagedorn, Lateinamerikabeauftragte im Bundesentwicklungsministerium, Bonn
·         Erzbischof Luis Augusto Castro Quiroga IMC, Tunja/Kolumbien
·         Heiko Maas, Bundesminister für Auswärtige Angelegenheiten (angefragt), Berlin
·         P. Michael Heinz SVD, Hauptgeschäftsführer von Adveniat, Essen
·         Juan Manuel Santos, Staatspräsident von Kolumbien, Friedensnobelpreisträger, Bogotá/Kolumbien

Moderation: Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont Mediengruppe, Köln
Organisator: Adveniat

Der 101. Deutsche Katholikentag ist eine Großveranstaltung, bei der Themen aus Kirche und Gesellschaft diskutiert werden. Er findet vom 9. bis 13. Mai 2018 in Münster statt. Erwartet werden mehrere Zehntausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet. Katholikentage werden vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) in der Regel alle zwei Jahre an wechselnden Orten veranstaltet. Der 100. Deutsche Katholikentag fand 2016 in Leipzig statt, 2014 trafen sich die katholischen Laien in Regensburg, 2012 in Mannheim.
Friendensgraffiti in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, Foto: Jürgen Escher/Adveniat

Teenager unter Waffen

Adveniat-Magazin: Guerilla wirbt immer mehr jugendliche Kämpfer in Kolumbien an

Das Adveniat-Magazin „Blickpunkt Lateinamerika“ berichtet in seiner Titelgeschichte über die steigende Zahl kolumbianischer Jugendlicher, die sich freiwillig für den Kampf in der Guerillaorganisation ELN melden. Der Journalist David Graaff und die Fotografin Lena Mucha haben ein ELN-Ausbildungscamp im Chocó besucht und mit Jugendlichen und Kommandeuren sowie mit den einfachen Leuten und kirchlichen Mitarbeitern gesprochen. „In der Region Chocó an der kolumbianischen Pazifikküste fehlt es an allem, was für ein funktionierendes Sozialgefüge notwendig ist: Gesundheitsversorgung, Verkehrswege, Bildungsangebote sowie Verdienstmöglichkeiten. Viele Jugendliche sind ohne Ausbildung und Job“, berichtet Graaff. „Angesichts weit verbreiteter Perspektivlosigkeit hat es die ELN-Guerilla leicht, Mädchen und Jungen für ein Leben als Guerillero zu begeistern“, so der Journalist weiter.

„Menschenwürdige Lebensbedingungen sind eine Grundvoraussetzung für sozialen Frieden“, schreibt Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz in seinem Vorwort. In Kolumbien ist nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg am 26. September 2016 zwar endlich ein Friedensabkommen zwischen der Regierung und der Farc, der größten Guerilla-Bewegung, besiegelt worden. „Doch in den vernachlässigten Regionen des Landes, wo Armut und Perspektivlosigkeit herrschen, geht die Gewalt unvermindert weiter“, beklagt Pater Heinz. „Schon vor dem Friedensschluss mit der Farc-Guerilla war die soziale und wirtschaftliche Situation in der Region Chocó dramatisch. Nach ihrem Abzug hinterlässt die Farc ein Machtvakuum, in das kriminelle Banden, aber auch die kleinere Guerilla-Organisation ELN vorstoßen“, sagt Pater Heinz. Nach Angaben des Zentrums der historischen Erinnerung haben seit 1960 fast 17.000 Minderjährige als Kämpfer am bewaffneten Konflikt teilgenommen. Zehn Prozent von ihnen bei der ELN.

Zusammen mit der kolumbianischen Kirche fördert Adveniat mit zahlreichen Initiativen Frieden und Versöhnung in der Region. In der Provinzhauptstadt Quibdó unterhalten die Claretiner das Jugendzentrum Mamá-Ú, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den dort lebenden afro-kolumbianischen Jugendlichen Perspektiven für ein Leben ohne Kriminalität und Drogen aufzuzeigen. Adveniat fördert diese Arbeit aktuell mit 30.000 Euro. Zudem unterstützt das Lateinamerika-Hilfswerk die Arbeit der Nationalen Versöhnungskommission der kolumbianischen Bischofskonferenz. Diese hat sowohl die Friedensverhandlungen mit der Farc-Guerilla von kirchlicher Seite begleitet als auch die zurzeit immer wieder stockenden Verhandlungen mit der ELN. Ihr Anliegen ist es, den Opfern eine Stimme zu geben und ihre Perspektive in den Prozess miteinzubringen. Denn Frieden entsteht nur dort, wo echte Versöhnung innerhalb der Gesellschaft möglich ist.
Der Tag im Ausbildungscamp beginnt mit dem Morgenappell. Manche müssen einen Holzstock tragen. Es ist die Strafe dafür, das Gewehr unbeaufsichtigt gelassen zu haben. Foto: David Graaff